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Dieser Satz hat mir als Überschrift zu gut gefallen, auch wenn er die Fakten nicht zu 100% wiedergibt.

Es ist nicht „die ganze Welt“, es sind die damals bekannten vier Erdteile und es handelt sich nicht um irgendein Haus, sondern um den barocken Pavillon im Garten von Stift Melk. In den Jahren 1747/48 von Franz Munggenast erbaut, sollte er der Rekreation der Patres dienen.

Schon von außen wirkt der Bau äußerst einladend, was nicht nur der Farbharmonie in rosa/weiß geschuldet ist, sondern vor allem der vergleichsweise bescheidenen Größe. Nach den Superlativen der barocken Stiftsanlage in Melk, erscheint der Pavillon beinahe familiär – bis man ihn betritt!

In den Innenräumen schuf Johann Wenzel Bergl 1764 ein erstaunliches Panoptikum, der damals bekannten Welt.

Wie kam es dazu?

Das Europa des 18. Jahrhunderts war im Wandel begriffen:

  • Großbritannien, die Niederlande, Spanien und Portugal wurden zu den ersten „global players“ der Geschichte. Sie unterhielten Kolonien rund um den Erdball, handelten mit exotischen Gütern und führten neue Feldfrüchte ein, wodurch sie eine Agrarrevolution auslösten.
  • Die ersten Enzyklopädien wurden gedruckt, die wissenschaftliche Diskussion war nicht mehr nur auf kleine, elitäre Gruppen beschränkt, da in vielen europäischen Hauptstädten wissenschaftliche Akademien gegründet wurden.
  • Zahlreiche Forschungsreisen wurden ausgerüstet, Forschungs- und Reiseberichte wurden publiziert und fanden ihren Weg wohl auch in Klosterbibliotheken.
  • Der Bildungsgrad der Bevölkerung stieg.

Vor diesem Hintergrund darf es nicht verwundern, dass man sich in Melk die Welt quasi „ins Haus“ geholt hat. In diesem Zusammenhang sollte man auch nicht vergessen, dass die Mönche ja durch die stabilitas loci („Beständigkeit des Ortes“, d.h. Ortsgebundenheit) an ihr Kloster gebunden waren – reisen um des Reisens willen war nicht möglich. Und so wurde wohl der Gartenpavillon zum Abenteuerspielplatz für den Kopf!

Der Hauptraum nimmt gleich eines der populärsten Themen der barocken Deckenmalerei auf, doch aus dem „Triumph des Apollo“ wird bei Bergl der „Triumph der Sonne im Jahreskreis“ und diese triumphierende Sonne ist umgeben ist umgeben von den Kontinenten Europa, Afrika, Asien und Amerika.

Welche Seite welchem Kontinent Raum bietet, ist für uns Betrachter des 21. Jahrhunderts gar nicht so einfach herauszufinden. Einzig Europa lässt sich vom gelernten Österreicher identifizieren, hat Bergl der sagenhaften Königstochter doch das Gesicht von Maria Theresia verpasst und sicherheitshalber auch den Stier zur Seite gestellt.

Bei den anderen drei Kontinenten überwiegt seine Fabulierlust die (natur-)wissenschaftlichen Fakten:

So stromert ein Tiger durch Afrika, während der Elefant freundlich durch Amerika stapft (ein Scherz des Malers?) und der Vogel Strauß leicht irritiert Asien überblickt.

Vom Deckengemälde aus entwickelt Bergl seine fantastischen Welten weiter in die Nebenräume. Exotische Tiere tummeln sich im freskierten Urwald, beäugt von farbenfrohen Vögeln, dazwischen immer wieder Einheimische der Neuen Welt – wie man sie sich damals vorgestellt hat.

Man kommt aus dem Schauen, Staunen und Schmunzeln nicht heraus.

Johann Wenzel Bergl hat hier seine neue Welt entstehen lassen, die heute noch beeindruckt. Selbst wir, die wir weitgereist, gebildet und von Fernsehdokus verwöhnt sind, können uns dem Reiz des Melker Gartenpavillons nicht entziehen. – Wie sehr muss diese exotische Welt erst die Mönche des 18. Jahrhunderts beeindruckt haben?

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